Napfgebiet

Gold aus dem Schweizerischen Napfgebiet

Nach einem Artikel von Victor Jans, erschienen im Lapis Mineralien-Magazin, Dezember 1988

Das von Wagner besungene und in monetärer Gestalt in Münzen und Medaillen bekannte Rheingold hat seinen Ursprung in den schweizerischen Voralpen. Dort, im Quellgebiet der Aare und ihrer Nebenflüsse Große Emme und Reuss, erhebt sich zwischen Bern und Luzern der 1411 m hohe Napf. Seine Nagelfluhbänke und Molasseschichten enthalten heute noch einige Millionen Franken an feinverteiltem Gold.

Morphologie des Napfgebietes

Karte des Napfgebietes

Wald, abwechselnd mit einsamen Liegenschaften auf Alpweiden charakterisiert die Landschaft um den Napf. Man käme an kein Ende, wollte man alle großen und kleinen Bäche zählen, die sternförmig vom höchsten Punkt abfließen. Sie haben die Landschaft zerfurcht und zersägt, und zu häufig gebrauchten Bezeichnungen wie "Graben", "Chrachen" oder "Fluh" geführt. Für den Goldsucher sind nicht alle Bäche gleich interessant. Jene des bernischen Napfgebietes sind oft mit Staustufen reguliert und gebändigt. Sie bilden kaum mehr neue, lohnende Alluvionen. Im luzernischen Teil finden sich aber noch unverbaute, meist schwer zugängliche Wildbäche. Ein solcher ist z. B. die Große Fontanne mit ihrem Nebenarm, dem Goldbach, dessen Name an die vergangene Goldsuche erinnert.

Geschichte der Goldwäscherei am Napf bis 1900

Posidonius (135 - 50v. Chr.) und Strabo erwähnen die Seifengoldgewinnung in Helvetien. Letzterer nennt die Helvetier gar "die goldreichen Männer". In der Nähe des Napfgebietes wurden alte keltische Goldmünzen, sogenannte "Regenbogenschüsselchen", gefunden, die aus helvetischer Zeit datieren. Man glaubt auch, daß die Römer sich im Napfgebiet aufhielten. Ein Hinweis dafür ist der aus dem lateinischen stammende Name Fontanne, der Quelle bedeutet. Vielleicht die Goldquelle? Die erste historische Erwähnung von schweizerischem Gold stammt aber erst aus dem Jahre 1100, als die Abtei von Muri ihren Schutzzins (Denarius aureus) mit Gold aus der Reuss zahlt.

Zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert wurde der Beruf des "Golders", des berufsmäßigen Goldwäschers, immer wieder erwähnt. Der Stadtstaat Luzern verordnete ab 1523, daß sämtliches Waschgold aus luzernischen Gewässern an die Staatskasse abgeliefert werden müsse. Bis 1800 kaufte der Staat 31,4 Kilogramm Gold, aus dem 1500 Münzen geprägt wurden. Die Zahl dürfte aber nicht die gesamte Produktion repräsentieren. Die Vergolder und Goldschmiede jener Zeit lobten das Napfgold seiner Reinheit wegen, und zogen es deshalb dem damals üblichen, aus Ungarn stammenden, Gold vor.

Gründe für einen luzernischen Goldrausch

Trotzdem jedermann Gold waschen durfte, waren es vor allem die Fischer, die diesem Nebenerwerb nachgingen, wenn die Fische nicht anbissen. 1771 stieg die jährlich an den Staat abglieferte Waschgoldmenge fast um das Doppelte des Durchschnittswerts von 150 g an. Nachforschungen haben gezeigt, daß 1771 ein regelrechtes Katastrophenjahr war. Es zeichnete sich durch eine erhöhte Sterberate und wenig Geburten aus. Hunger und Inflation waren die Folge einer schlechten Ernte. Wirtschaftliche Not also trieb die Leute zur Goldwäscherei. Reich wurde dabei niemand. Vielmehr ermöglichte das Napfgold einigen armen Familien das Überleben in schweren Zeiten. Gegen 1900, als die Kaufkraft des Goldes immer mehr abgenommen hatte und der Wert der menschlichen Arbeit gestiegen war, verschwand der Beruf des Goldwäschers.

Beschaffenheit des Goldes

Napfgold

Seifengold des Napfgebietes kommt in Form von Flittern vor. Körner oder Nuggets sind sehr selten. Es hat eine sattgelbe Farbe und variiert in der Ausdehnung zwischen 0,1 und 2 mm, mit Ausnahmen bis zu 7 mm. Die Dicke liegt im Mittel bei 0,1 mm. Elektronenmikroskopische Untersuchungen von K. Schmid ergaben dieselbe Oberflächenstruktur wie die von Berggold vom Gotthard. Einzig der Deformationsgrad der aufgewachsenen Oktaeder ist größer, was dem mechanischen Transport zugeschrieben wird.

Herkunft der Seifen

Die Alten glaubten, die feinen Flitter würden irgendwo im Quellgebiet vom Bach aus einer sagenhaften Goldader gespült. Nach seiner geologischen Beschaffenheit ist es aber unmöglich, im Napf Goldadern zu finden. Der Napf ist ein riesiger Schuttfächer miozäner Flüsse. Diese brachten das Gold aus den Alpen, wo es auf seiner primären Lagerstätte in Quarzgängen durch hydrothermale Lösungen entstanden sein dürfte. In den horizontalen Nagelfluh- (Konglomerat), Sandstein- und Mergelbänken des Napfgebiets befindet sich das Gold also bereits auf sekundärer Lagerstätte. Von der Erosion wird es nun in den Alluvionen der Bäche und Flüsse konzentriert, die so die tertiäre Lagerstätte bilden. Die Ausbeutung beschränkt sich auf diese tertiären Lagerstätten. In der sekundären, der Nagelfluh, wurden bloß Goldkonzentrationen von 0,002 bis 0,0002 g/t nachgewiesen. Trotzdem glaubte man an vorhandene, reichere Konzentrationen. Eine Gruppe unverwüstlicher Hobbydigger überprüfte diese Hypothese im Tal des Goldbachs. Sie haben mit Hilfe eines Preßlufthammers einen Stollen dort in die Nagelfluh gebohrt, wo ein lokaler Wünschelrutengänger eine "Goldtasche" vermutete. Neben der Erkenntnis, daß relativ viel Gold in mikroskopisch feiner Form im Sandstein vorkommt, haben sie die Goldtasche noch nicht gefunden.

Der Goldgehalt der Alluvionen

Schmid hat an 130 Probenahmen einen durchschnittlichen Goldgehalt von 0,6 g/t festgestellt. Sie hat aber dem Mittellauf der Großen Fontanne keine Beachtung geschenkt. Hier hat Maag später Gehalte bis zu 4,3 g/t entdeckt. Man muß sich allerdings bewußt sein, daß es sich um sehr kleine Alluvionen handelt, die, einmal abgebaut, Jahrzehnte brauchen, um sich wieder anzureichern. Der physikalische Transport hat eine Verringerung der Korngröße zur Folge. Dieses Phänomen wird an der Anzahl der Flitter, die es für ein Gramm Gold braucht, deutlich: Aus dem Mittellauf der Großen Fontanne braucht es 1500 bis 2000 Flitter, aus dem Unterlauf bereits 3000 (Maag). Im Rhein zwischen Freiburg und Mannheim sind es 20.000 und noch weiter flußabwärts 160.000 (Kirchheimer).

Im Oberlauf der Großen Fontanne und in den Zuflüssen Goldbach und Seeblibach sind die Flitter aber generell kleiner als im Mittellauf. Angesichts dieser Tatsache und dem Ausbleiben von Funden größerer Flitter in der Nagelfluh schließe ich eine Goldbildung im Bachbett durch kolloidale Lösungen nicht ganz aus.

Die Goldgewinnung

Die vom Wasser transportierten Kiespartikel und Elemente werden nach ihrer Dichte sortiert und abgelagert. Das Gold mit seiner Dichte von 19,3 lagert sich zusammen mit den großen Brocken und den Schweremineralien Ilmenit, Hämatit, Magnetit, Epidot, Zirkon, Rutil und Granat ab. Erfolgversprechende Ablagerungen findet man im Unter- und Mittellauf der Bäche. Man unterscheidet vier Arten von günstigen Stellen:

1. Kleine, rezente Älluvionen unterhalb eines Hindernisses, das der Bach umfließen muß (z. B. großer Steinblock oder Stromschnellen). Solche Ablagerungen finden sich immer am Rand und nie in der Mitte der Strömung. Sie können beachtliche Konzentrationen enthalten. Der Goldgehalt ist in der obersten Schicht am größten. Bei Hochwasser verlagern sich solche Alluvionen.

2. Größere, dauerhafte Alluvionen. Dies sind Stellen, an denen sich die Strömungsrichtung ändert und die Schweremineralien deshalb ausfallen. Die Mächtigkeit kann bis zu 2 m betragen. Normale Hochwasser lassen sie unbeschadet. Rütymeyer gibt folgende Beurteilungskriterien an, nach denen sich die alten Goldwäscher richteten:

- Der Bach ist eng eingeschlossen;
- grober Kies soll lange aufeinander gelegen haben;
- an der Innenseite einer Flußkurve sind Sandablagerungen;
- die Strömungsgeschwindigkeit verringert sich und die mitgetragenen Materialien fallen der Reihe ihrem Gewicht nach aus, die schwersten zuerst.

Alle Hinweise sind auch heute noch gültig. Erfahrungsgemäß kann ergänzt werden:

- Die Kurvenaußenseite ist hart, z.B. Fels;
- der Kies ist kompakt, sodaß die Schaufelarbeit mühsam ist;
- metallene Zivilisationsreste (Nägel, Hufeisen) sind ein gutes Zeichen;
- die Kiesbank ist nicht sehr mächtig (30 bis 70 cm), darunter ist anstehender Fels;
- bei der Fundstelle erfolgt der Abfluß in schießender Strömung.

3. Kleine Sandablagerungen unter Moospolstern oder Grasbüscheln, die während der Hochwasser überflutet werden. Sehr kleine Flitterchen bleiben hier hängen.

4. In Spalten und Ritzen des Flußbettes finden sich manchmal überraschend große Goldflitter. Besonders Kolke, die sich im Napfgebiet häufig am Fuße von Kaskaden gebildet haben, verdienen eine genauere Prüfung.










Goldgewinnungsmethoden früher und ihre Spuren.



Der Luzerner Chronist R. Cysat beschreibt im 17. Jahrhundert das Vorgehen der alten Goldsucher:

"Zu diesem werk hat es sonderbare goldwäscher, die der stadt (Luzern) untertan sind, welche zytt und gelegenheit wüssend, wann gold vorhanden, solches us dem sonderbaren sande, der gegen dem andern farb und gewicht halben grosse unterschiede hat, erkennen, denselbigen sand ufhebend, in ihre geschirre samlent und mit hilf dazu gerüsteten instrumenten das beste und reinste uswäschent, und dann durch mittel des quecksilbers das gold vom sand uskluben, usglühent und zu kornen machen."

Man nimmt an, daß die Alten das Kiesbankgemisch durch Sieben und Waschen auf dem Waschstuhl von 100 auf 5% reduziert haben. Der Waschstuhl war ein mit einem Tuch oder einer Mokette bedecktesHolzbrett mit zwei Seitenwänden. Als Sieb diente ein Weidenkorb. Zeitraubend war die dazu nötige Arbeit des Wasserschöpfens.

Nach dem Arbeitsgang mit dem Waschstuhl benutzt der Goldsucher heute allgemein die Goldwaschpfanne, um die restlichen 5% zu selektieren. Dem war früher nicht so, denn die alten Golder kannten weder Pfanne noch Batea. Ihnen war nur die Technik der Amalgamation bekannt. Quecksilber tritt heute noch in nachweisbaren Mengen in den Bächen des Napfgebietes auf. Dieses Quecksilber ist durch Unachtsamkeit der alten Goldwäscher in die Gewässer gekommen. Verbindet sich das Quecksilber in der freien Natur mit Goldflittern, werden diese von einer silberglänzenden Amalgamschicht überzogen. Solches amalgamiertes Gold wurde von Villiger und Maag beobachtet. Wird es im einseitig geschlossenen Glührohr ausgeglüht, verliert es seinen weißen Überzug und wird wieder gelb (Achtung! Quecksilberdampf ist giftig!)

Die Ereignisse seit 1900



Nach dem Verschwinden der letzen Berufsgoldwäscher um die Jahrhundertwende besann man sich erst in wirtschaftlich schlechteren Zeiten wieder auf das Napfgold. 1933 wurden von Ingenieur Killias die Alluvionen des Rämisgummen (Nachbarberg des Napf) auf ihre Wirtschaftlichkeit überprüft. Man fand bis damals unbekannt große Goldflitter, aber der Ertrag genügte einer industriellen Ausbeutung nicht. Prof. Niggli schrieb auf diese Versuche hin 1933: "Daß es Gold in unseren alten und jungen Flussablagerungen gibt, ist selbstverständlich, dass es sich nicht bezahlt macht - gleichfalls."

1939 untersuchte ein englisch-schweizerisches Konsortium systematisch das Napfgebiet, ebenfalls in der Absicht auf eine industrielle Ausbeutung. Die Nachforschungen zeigten wohl stellenweise einen nennenswerten Goldgehalt, aber die Ausbeute hätte eine unverantwortbare Verschandelung der Landschaft zur Folge gehabt. Mehr oder weniger dieselben Ergebnisse erhielt auch das Bureau für Bergbau, das 1941 und 1943 mit Goldwaschen der damals herrschenden Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken versuchte.

Nach einem Vierteljahrhundert absoluter Ruhe begann 1967 K. Schmid für die Universität Bern eine Doktorarbeit über das Napfgold zu schreiben. Ihr Schlußwort: "Meine dreijährige, wohlverstanden nur temporäre Goldwaschtätigkeit hat insgesamt rund 52 g Gold erbracht. Das Ergebnis nimmt sich recht kümmerlich aus im Vergleich zum Einsatz von Arbeitsmaterial, Kraft und Ausdauer, wobei Unterkunfts- und Anreisekosten gar nicht in Betracht gezogen werden. Der Traum vom Schweizer Gold wäre somit ausgeträumt! Das Napfgold mag höchstens noch für Amateurgoldwäscher mit etwas Sinn für abenteuerliche Goldgräberromantik zu empfehlen sein."

Und die Amateurgoldwäscher ließen seither nicht auf sich warten. Einige Jahre später, 1978, kann P. A. Gonet in seinem Buch über die Goldsucher in der Schweiz schreiben: "Im Napfgebiet ist seit geraumer Zeit ein Phänomen zu beobachten, das für die Schweiz einzigartig ist: Eine neue Generation von Goldsuchern bricht zu dem auf, was wir als 'heute noch mögliches Abenteuer' bezeichnen können."

Videolink


Videofilm eines Amateurgoldwäschers im Napfgebiet: Auf Youtube oder als Realplayer-Videostream.

Napdgold unter dem Elektronenrastermikroskop