|
Von Peter
Rüegg
Sonnig und warm an
diesem Nachmittag im jungen April. Vor dem Gartenschopf haben wir Platz
genommen. Auf einem Rasenflecken steht ein Totempfahl, und von einer
Fahnenstange hängt eine ausgebleichte, verfranste US-Flagge. Der Mann mit
den langen Haaren, die er zum Rossschwanz zusammengebunden hat, sitzt da in
kurzen Hosen und einem Trägerleibchen als wär’s Hochsommer, stellt
zwei Büchsen Bier auf den Holztisch und lobt das schöne Wetter übers grüne
Klee: «Ich brauche Sonne.» Im Ohr hängt eine silberne Feder, um den Hals
ein Goldnugget. Und dann erzählt er ohne Aufforderung und ohne Umschweife
über seine Leidenschaft, die die bleiche Tätowierung auf seinem Oberarm
andeutet: Goldwaschen.
Napf statt
Klondyke
Markus Zinniker, Paketbote in Oberwinterthur, verheiratet und zweifacher
Familienvater, ist ein Goldwäscher, ein Prospektor; ein Abenteurer eben.
Seine Reviere liegen nicht am Klondyke, nicht in Südafrika. Das Zürcher
Oberland und der Napf sind seine bevorzugten Claims. Zinniker ist ein original
Winterthurer und ein Winterthurer Original. Ist hier gross geworden, hat
die Schule in Winterthur besucht. Danach hat er ein Postlehre absolviert
und nächstes Jahr wird er sein 20. Dienstjahr erleben. Ein Naturbursche sei
er seit Kindsbeinen gewesen, sagt er von sich. Dreckige Schuhe, nasse Füsse
und einen «schwarzen Grind vom Füürle» habe er schon während der Schulzeit
nach Hause gebracht. Winterthur kenne er in- und auswendig. In
einschlägigen Szenen habe er mitgemacht. «Jugendhaus und so», zwinkert er
mir zu. Lebhaft erinnert er sich an grosse Camps an der Thur, die er
mitorganisierte. Mit den Töffli seien sie rausgefahren, 70 Leute und mehr.
«Da haben wir das Gefühl gehabt, wir sind die Chefs», schmunzelt der
36jährige. Aber eben: über die Arbeit scheint er nicht gern zu sprechen.
Sie ist Mittel zum Zweck. Sein Leben ist das Goldwaschen.
Überredet,
überzeugt.
Damit begonnen hatte er 1987, als er noch bei der Sihlpost in Zürich
arbeitete. Da habe ihn ein Arbeitskollege dazu überredet, mit der Gitarre für
ein Wochenende in den Napf mitzukommen – zum Goldwaschen. «So ein
Mist, das gibt es doch gar nicht», umschreibt er seine damalige Reaktion.
Mitgegangen sei er trotzdem. Zuerst habe er verwundert zugeschaut, wie alle
im Bach gestanden hätten und sich am Abend bei Gitarrenklängen und einem
Gläschen Wein über die Goldflitter gefreut hätten, die sie aus dem Bachbett
gewaschen hätten. «Da habe ich die Kehrtwende vollzogen», blickt Zinniker
zurück. Den ganzen darauffolgenden Tag habe er das Bachbett umgegraben und
Kies über die Goldwasch-Schleuse geschaufelt. «Ich habe geackert, bis es
dunkel war. Am Schluss hatte ich 20 Goldflitter zusammen.» Gepackt hatte es
ihn, das Goldfieber, und seither hat es ihn nicht mehr losgelassen. Kurz
nach seinem ersten Goldkontakt hatte er Motorrad-Ferien geplant, die er
schnurstracks fallen liess. Zinniker überredete nun seinerseits seinen
Töff-Kollegen dazu, die Ferien im Napf zu verbringen – beim
Goldwaschen. Dass sein Partner danach fand, dass sich wegen einem halben Gramm
– die Ausbeute der ganzen Woche – der Aufwand nicht lohne,
konnte Zinniker zwar verstehen. Gekümmert hat es ihn nicht: «Wir waren eine
ganze Woche draussen in der Natur. Das zählte», sagt er.
|
Drei Jahre nach seinem
Schlüsselerlebnis im Napf zog’s Zinniker für vier Monate ins Land der
grossen Goldräusche: nach Kanada. Baute ein Blockhaus und wandelte auf den
Spuren der Goldpioniere. Gewann in Dawson City, Yukon, das «Klondyke Open»,
eine Goldwäscher-Meisterschaft. Im Niemandsland in diesem riesigen kanadischen
Bundesstaat versuchten er und drei Kollegen, einen Stollen zu graben, um
aufs Muttergestein vorzustossen. «Da, wo die grossen Nuggets sind.» Das
Ziel, einen grossen Goldklumpen zu finden verpassten sie. Das persönliche
Ziel habe er allerdings erreicht: Einen Claim abzustecken, den er für 100
Dollar für ein Jahr erwerben konnte. Beeindruckt hat ihn die Weite des
Landes, und auszuwandern ist ein entfernter Wunsch geworden. «Am liebsten
wäre ich in Kanada geblieben, aber das erste Kind war bereits unterwegs.»
Jetzt sei er da für Kinder und Frau. Auswandern? Später vielleicht. Einer
seiner damaligen Begleiter habe aber Spenglerei und Haus in der Schweiz
verkauft und sich in Whitehorse niedergelassen.
Erfolg auf
Anhieb
Zinni, wie ihn seine Freunde nennen, fröhnte seiner Leidenschaft wieder in
der Schweiz. Einen grossen öffentlichen Auftritt bescherte ihm 1993 eine
Gold-Sonderausstellung bei den bekannten Mineralien- und
Fossilien-Verkäufern Siber+Siber in Aathal. Sie fragten den
Hobby-Goldwäscher an, ob er den Zuschauern das Goldwaschen näher bringen
wolle. Das Angebot nahm er an; Zinniker erschien auf Bildern in
Medienberichten, die er in einem Fotoalbum fein säuberlich gesammelt hat.
Der Winterthurer Goldschürfer mit braunem, gefranstem Wildleder-Gilet, mit schwarzem
Hut und braun-rot kariertem Hemd, umgeben von Schaulustigen. Gemacht habe
er dies jedes Wochenende, bis eines Tages eine alte Frau ihm einen Rat gab:
«Herr Zinniker, Sie gehören nicht hierher. Machen Sie das draussen.» Noch
am gleichen Tag habe er bei Siber+Siber einen Notizblock an dieWand
genagelt. Sein Angebot: Goldwaschen in freier Natur, Lagerfeuerromantik mit
Geschichten vom Goldrausch und Gitarrenklängen. Das schlug ein wie eine
Bombe. «Fünf Notizblöcke waren voll mit über 1300 Adressen.» Allen schickte
er eine Broschüre mit möglichen Daten für Goldwaschtage.
«Danach hat das Telefon ununterbrochen geläutet. Die ersten fünf Samstage
waren sofort ausgebucht, die fünf zusätzlichen Sonntage ebenfalls»,
erinnert er sich. Im Kemptner Tobel bei Wetzikon habe er die ersten Kurse
gegeben. Auch Firmen, Pfadi, Cevi WWF. Behinderte und Kirchgemeinden
wollten mit ihm Gold schürfen. Immer stärker ausgeweitet habe er sein
Programm und bessere Plätze gesucht, unter anderem an der Goldach –
nomen est omen – im Kanton St. Gallen. Aus einzelnen Tagen wurden
Wochenenden mit Übernachtung im Freien. Gute Erfahrungen habe er auch mit
verhaltensauffälligen Jugendlichen gemacht. Eine Woche Goldgräber-Camp im
Napf, und die Jugendlichen seien «total ausgeflippt»; da habe der eine oder
andere am Lagerfeuer beim Erzählen der eigenen Lebensgeschichte die harte
Schale fallengelassen und geweint. Seine Frau, sagt er, stehe seiner
Leidenschaft positiv gegenüber. «Wenn ich Goldwaschen gehe, nehme ich oft
die Kinder mit. Dann hat sie Zeit für sich selbst.» Zudem helfe sie, Koch
von Beruf, bei der Versorgung der Gäste.
|
Wichtiges
Drumherum.
Zinniker ist ein zugänglicher herzlicher Mensch, begeistert andere Menschen
für das, was er mit ihnen tut. Wenn eine Firma einen Tag bei ihm bucht,
verwandeln sich selbst harte Manager in weiche Häuptlinge mit Federschmuck,
die nichts mehr anderes tun, als Kies und Sand auf Schleusen zu schaufeln
und konzentriert Gold zu waschen. «Nicht das Gold steht im Vordergrund»,
weiss er, «sondern das ganze Drum und Dran.» Ein gemeinsames Erlebnis, ein
ungefährlicher Abenteuertag, entspanntes Beisammensein, Lagerfeuerromantik
und ein Hauch Pioniergeist – das sind die Zutaten, die einen
Goldwaschtag zum unvergesslichen Erlebnis machen und Zinniker den Erfolg sichern.
Ums grosse Geld ist es ihm mit seinen Angeboten dennoch nie gegangen. Mit
Goldwasch-Kursen verdient er zu wenig, um seine Familie durchzubringen.
Deshalb arbeitet er hauptberuflich als Paketpostbote, beginnt um vier Uhr
mit der Arbeit im Frauenfelder Paketpostzentrum, holt dort die Päckchen um
sie in Oberwinterthur zu verteilen. Doch von Juni bis Ende Oktober setzt er
voll aufs Goldwaschen und bezieht dafür unbezahlten Urlaub.
Sechsgrämmer
Zum Leben reicht auch die Goldmenge nicht, die er mühsam aus dem Flussbett
wäscht. Goldflitter und Goldstaub ist es, was der Digger in zahlreichen
Bächen und Flüssen findet. Das grösste Nugget, das er in der Schweiz bisher
gefunden hat, wiegt gerade sechs Gramm. Täglich 30 Gramm müsste er waschen,
um davon leben zu können. Ohne maschinelle Hilfe unmöglich. «Doch Maschinen
und Pumpen installieren darf ich in der Schweiz nicht.» Das grösste
Schweizer Nugget bringt 123 Gramm auf die Waage, gefunden in Disentis, dem
Mekka der Hobby-Goldwäscher, wo auch Zinniker erste Kontakte zur «Szene»
und seinen Sechsgrämmer fand. «Solche Nuggets sind in der Schweiz eine
Ausnahme», weiss auch er. Dafür möchte er sein Geschäft weiter ausbauen.
Denkt an ein grosses Tipi, in dem 25 Personen schlafen könnten und in
dessen Mitte ein Feuer lodern würde. Für diese Saison, die bald beginnt,
ist die Zeit zu knapp. «Ich müsste neue Broschüren drucken und damit im
Internet präsent sein», winkt er ab.
Schatten und
Licht
Die Sonne ist verschwunden. Die Bierdose ist leer. Vom Dachboden, wo er ein
richtiggehendes Goldwasch-Museum mit Bibliothek eingerichtet hat, holt er
die Fotoalben und ein Buch über das «Big Hole» im Amazonas, die grösste
Goldmine der Welt, die je von Menschenhand gegraben wurde. Eindrucksvolle
Bilder von abgekämpften, dreckigen Männern, von winzigen Claims, die nur
durch Leitern miteinander verbunden sind. Bilder, die um die Welt gingen:
Tausende von Männern im Gänsemarsch mit Säcken voller Dreck auf den
Schultern. «Krass, total kaputt», findet dies ein nachdenklicher Zinniker,
«die Schattenseite des Goldfiebers.» Auf seinen persönlichen Fotos finden
sich nur zufriedene Gesichter, Leute beim Buddeln, Waschen, am Lagerfeuer.
Zufrieden mit seinem Geschäft wirkt auch der Digger aus Oberwinterthur.
«Negative Rückmeldungen hatte ich noch nie», sagt er, auch nicht von
Leuten, die sich aus naturschützerischen Gründen am Umgraben eines
Bachbettes stossen würden. «Jedes Jahr gibt es ein Hochwasser, und dann
sieht der Bach sowieso wieder anders aus.»
|